Ich war fremd – Kulturschock im Auslandssemester

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade des LandLebenBlogs zum Thema „Ich war fremd“.


In Mexiko fühlte ich mich zunächst sehr fremd. Das war im Juli 2008. Ich kam an und fand mich in einem unglaublich heißen Land wieder. Das Thermometer zeigte regelmäßig über 40 Grad Celsius an.

Immerhin machte eine Freundin damals zufällig an der gleichen Uni ihr Auslandssemester, an der Universidad de Monterrey (UDEM) in Monterrey. Wir flogen daher zusammen von Deutschland hin und verbrachten die ersten Tage im gleichen Hostel. So war der Start leichter. Doch wir hatten uns vorgenommen, nicht zusammen zu wohnen, um nicht nur aufeinander zu hängen und deutsch zu sprechen.

Mission WG-Suche

Unsere erste Mission war eine WG zu finden. Wir fuhren dazu vom Hostel in die Nähe der Uni und liefen durch die Straßen auf der Suche nach einem Zimmer. Es waren auch Zimmer ausgeschrieben, doch die Verständigung mit den Vermietern war schwierig.

Ich verstand kaum die Sprache, obwohl ich zwei Jahre lang einen Sprachkurs an der Uni gemacht hatte. Aber dort hatte ich Schulspanisch gelernt – kein Alltagsmexikanisch.

Die erste WG fanden wir recht schnell. Zufällig war ein Zimmer in einem Haus mit zwei Mitbewohnern frei. Es war in etwas so teuer wie in Deutschland, was dem Fakt geschuldet war, dass Monterrey die reichste Stadt im Norden Mexikos ist.

Meine Freundin, die damals mental zu knabbern hatte, hatten wir immerhin schon untergebracht – in einem schönen, aber nicht ganz billigen Zimmer. Wir suchten weiter.

Ein oder zwei Tage später fand ich mein WG-Zimmer in einer 2er-WG. „Jo“ war mein schwergewichtiger Mitbewohner, der sich danach auch mit dem Vermieter auseinandersetzte, wenn es etwas zu tun gab. Das war eine große Erleichterung. Doch die anfänglichen Modalitäten musste ich selber klären: Kaution, Miete,  Inventar etc. Mein Vermieter war ca. 70 Jahre alt, was die Verständigung nicht gerade erleichterte. Doch immerhin half er uns, unsere Sachen aus dem Hostel zu holen und in seinem viel zu großen SUV zu unseren neuen WGs zu fahren.

Überraschung zum Start des Semesters

Pünktlich zum Beginn des Semesters hatten wir unsere Bleibe in der Nähe der Uni gefunden. Doch schon bei den ersten Veranstaltungen kamen wir uns fremd vor. Wie typische Studenten angezogen schlurften wir in Flip Flops zur Uni, während die einheimischen Studenten in teuren Autos vorführen. Ich sah reihenweise Jaguars auf dem überdimensionierten Parkplatz. Sie trugen Hemden, Krawatten, Blusen und Kostüme.

Wie sich dann herausstellte, war die UDEM eine Privatuni, an der sich die Söhne und Töchter der Schönen und Reichen des Landes versammelten. Wir hatten ja keine Ahnung gehabt. Die Wahl der Uni hatten wir im Voraus von der Übersichtlichkeit und Aktualität der Homepage abhängig gemacht. Schließlich hatten wir im Voraus klären müssen, ob unsere Kurse anerkannt werden usw.

Allein unter Fremden (und Reichen)

Das Betreuungsprogramm für Austauschstudenten bemühte sich um unsere Integration. Es gab „iLink„-Abende, in denen sich natürlich aber hauptsächlich die Austauschstudenten untereinander kennenlernten.

In den folgenden fünf Monaten verbrachte ich viel Zeit mit Österreichern und Schweizern. Mit Mexikanern kamen wir zunächst kaum in Kontakt. Außer unseren Austauschpartnern gab es wenige Berührungspunkte.

Sie sahen uns wohl ähnlich, so wie wir in Deutschland auch die Erasmus-Studenten sahen: Die wollen nur Party machen, bloß keine Gruppenarbeit mit denen anfangen!

Small Talk

An der UDEM gab es viele Gruppenarbeiten. Trotzdem gab es wenig Gemeinsamkeiten außerhalb der Uni. Der obligatorische Small Talk (Wo kommst du her? Seit wann bist du hier? Wie lange bleibst du? Wie gefällt dir Mexiko?) ging mir schnell auf die Nerven. Mit der Frage „Wie geht es dir?“ konnte ich genau so wenig anfangen.

Immer wieder sagte ich meine Sätze auf, korrigierte sie nach und nach, und wurde leicht verbittert. Ich fing an mich über den Small Talk lustig zu machen, denn wirklich wissen wollte es doch niemand. Damals machten meine Freundin und ich im Sprachkurs ein Projekt und drehten ein kritisch-ironisches Video, das damals ein geteiltes Echo hervorrief (leider nicht mehr online).

Kulturschock

Das nennt man wohl Kulturschock. Ich hasste die Oberflächlichkeit der Mexikaner, konnte mit dem vielen Fleisch nichts anfangen und verzweifelte wegen Kakerlaken in meiner Wohnung.

Ich lag in meinem Zimmer auf dem Bett, hörte Musik und verbrachte so den Freitagabend, den Samstag und Sonntag. Nach zwei Wochen begann ich mich zu fragen, was ich genau in Mexiko suchte. Was ich mir dabei gedacht hatte. Ob ich mich nur aus Gruppenzwang für ein Auslandssemester entschieden hatte. War das der Sinn des Ganzen? Um Musik zu hören, konnte ich ja auch nach Hause fliegen.

Immerhin belegte ich Kurse auf Spanisch und würde sprachlich vorankommen. Doch in der Freizeit wussten meine Freundin und ich vorerst nichts mit uns anzufangen. Wir wurden zwar zu Poolpartys in den Villen der „iLink„-Schönen eingeladen, doch es fühlte sich unecht an.

Deutschland ist in Mexiko beliebt, daher hatten wir insgesamt gute Karten. Trotzdem hatten wir keine Themen, keine gemeinsamen Hobbies, keine Perspektive.

Das war nicht das Mexiko, das wir erwartet hatten. Wir unterhielten uns gezwungenermaßen mit den meist jüngeren mexikanischen Hoteliers-Töchtern, die zwar immerhin schon mal in die USA gereist waren, aber doch gefühlt kaum etwas von der Welt wussten. So kam es uns vor.

Die Wende

Es dauerte vier Wochen, bis ich Mogli kennenlernte. Er war der einzige Student der ganzen Uni, der mit dem Rad fuhr. Das zeigt, welche Ausnahme er in der Studentenschaft darstellte.

Auch Outdoor-Aktivitäten sind in Mexiko eher eine Ausnahme. Obwohl die Landschaft alles dafür hergibt, ist es exotisch. Unser Glück war, dass Mogli uns zum Klettern mitnahm. Alles Weitere habe ich in meinem Blogpost über Mogli beschrieben.

Ich fühlte mich durch ihn weniger fremd, denn er nahm mich mit und zeigte mir das wahre mexikanische Leben. Er erklärte mir die mexikanischen Gepflogenheiten. Ich merkte, dass ich mich nicht gerade nett verhielt, wenn ich mich darüber lustig machte. Ich lernte zudem seine Familie kennen, reiste durch’s Land und konnte mir vor Augen führen, dass die UDEM wenig mit dem echten Mexiko zu tun hatte.

Fazit: Meine Tipps für dein Auslandssemester

  1. Falls du ein Auslandssemester vor dir hast oder schon dabei bist, kann ich dir nur raten, dich um den Kontakt mit den Einheimischen zu bemühen. Auch wenn es anfangs schwierig ist, eröffnet es einen ganz anderen Blick auf das Land, als wenn du nur unter den internationalen Austauschstudenten bleibst.
  2. Den Kontakt nach Hause zu halten ist natürlich wichtig, aber wenn du zu viel nach Hause skypst, kommst du vielleicht nie richtig an. Das macht es nicht unbedingt leichter.
  3. Wohne mit Einheimischen zusammen, wenn möglich. Nur so wirst du die Sprache wirklich verinnerlichen.
  4. Belege deine Kurse in der Fremdsprache. Du kriegst das schon hin.

Ähnliche Beiträge:

Sharing is caring. Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar